13.12.2016 rss_feed

Thüringer Schweinehalter trafen sich mit MuD-Betrieben

Schweinehalter aus Thüringen im Stallgespräch mit Landwirten der MuD-Betriebe (Foto: BLE)

Schweinehalter aus Thüringen im Stallgespräch mit Landwirten der MuD-Betriebe (Foto: BLE)

Bereits knapp ein Jahr setzen sich 18 Thüringer Schweinehalter sehr intensiv damit auseinander, wie sie zukünftig schrittweise auf das Kupieren der Schwänze bei Ferkeln verzichten können. Dafür wurden vom Thüringer Landwirtschaftsministerium Fördermittel für ein Pilotprojekt bewilligt, das beginnend ab Januar 2016 bis Dezember 2018 gemeinsam mit der Wissenschaft bearbeitet wird. Bisher ist das Kupieren der Ferkelschwänze - mit Ausnahmegenehmigung - noch notwendig, um das Risiko tierschutzrelevanter Verletzungen zu minimieren, die durch das gegenseitige Schwanzbeißen verursacht werden.

Ende November nutzten sie die Erfahrungen zweier bundesweit agierenden Netzwerke der Modell- und Demonstrationsbetriebe (MuD) Tierschutz (gefördert durch das BMEL; Projektträger BLE; www.mud-tierschutz.de), um aus deren Erfahrungen schöpfen zu können.

 

Ziel des zweitägigen Treffens in Thüringen war es, auf dem Wissen dieser neun MuD-Praxisbetriebe aufzubauen, da sie sich z.T. schon seit längerem recht erfolgreich mit dieser Herausforderung beschäftigen. Die Netzwerke arbeiten zum Thema Verminderung von Schwanzbeißen mit dem Ziel, langfristig auf das Kupieren verzichten zu können. Begleitet durch intensive Beratung setzen sie mit den bereitgestellten Fördermitteln innovative Maßnahmen um. Die Erkenntnisse sollen im Zuge des Wissenstransfers allen tierhaltenden Betrieben zur Verfügung gestellt werden. 

In der Vor-Ort-Besichtigung stellten Dr. Britta Becke und Andreas Stoll ihre Sauenhaltung, Ferkelaufzucht und Schweinemast in der Urlebener Mast GmbH vor und zur kritischen Diskussion. Viele einzelne Aspekte sprachen die Schweinehalter der MuD-Betriebe an, die erprobt und offensichtlich auch sehr erfolgsversprechend in ihren Betrieben umgesetzt wurden. Spezielles Gesundfutter sichert die notwendige Darmgesundheit und damit die Stabilität der Tiere. Ein ganz wesentlicher Erfolgsfaktor ist der Kampf gegen die Betriebsblindheit: Tierbeobachtung und Bonitierung nach klaren Schemata wie Checklisten sind notwendig. Durch Buchtenstrukturierung können die Tiere ihre Bedürfnisse nach Rückzug oder einfach dunkleren Ruhezonen nachkommen und haben so weniger Stress. Attraktive und abwechslungsreiche Beschäftigungsmaterialien befriedigen den Erkundungsdrang und Abkühlungsmöglichkeiten reduzieren eine kritische Wärmebelastung der Schweine, die bekanntlich nicht schwitzen können. Im Prinzip habt ihr Thüringer Glück resümierte Thomas Asmussen, Sauenhalter aus Gelting, Schleswig-Holstein. Ihr könnt jetzt schon aus unseren Fehlern lernen und braucht sie nicht ein zweites Mal selbst zu machen. Und ihr könnt auf dem aufbauen, was inzwischen noch zusätzlich als Einflussfaktor erkannt wurde. 

Die Thüringer präsentierten in Kirchheilingen, dem Tagungsort, einige zuversichtlich stimmende Resultate aus der in 2016 erfolgten Statuserhebung. Ihr fachlich fundierter Ansatz, bereits mit den Muttersauen und den Saugferkeln zu beginnen, basiert u.a. auf veterinärmedizinischen Grundzusammenhängen. Gesundheit, Stoffwechsel, Leistungsvermögen und Immunkompetenz können nicht losgelöst von den Haltungsbedingungen betrachtet werden. Ein eigenes Netzwerk von Fachexperten ist im Thüringer Pilotprojekt die Grundlage für die weiteren Arbeitsschritte. Dazu gehört auch Prof. Gerald Reiner, Leiter der Schweineklinik der Uni Gießen, der nach seinem Fachvortrag über Entzündungen und Nekrosen beim Schwein, zusammenfasste: Um genau sagen zu können, was unbedingt zu verändern ist, muss man erstmal zu verstehen, was beim Schwein passiert. Denn nicht immer entstehen Gewebeverluste durch gegenseitiges Verletzen. 

Ab Mitte/Ende 2017 sollen nach einer Optimierung der Fütterung, Wasserversorgung und Haltung in den Thüringer Projektbetrieben die ersten Gruppen unkupierter Ferkel aufgestellt werden. Dennoch wird es ein Weg mit Hindernissen bleiben, denn betroffene kranke Tiere müssen behandelt werden, d.h. es ist prognostisch ein höherer Antibiotikaeinsatz zu erwarten, beschrieb Kathrin Naumann aus Groß-Grenz (Mecklenburg-Vorpommern) ihre eigenen Erfahrungen als MuD-Betrieb. Auch langfristig wird es immer wieder Ausnahmefälle geben, in denen einfach kupiert werden muss. Selbst wenn alles 100% in Ordnung ist, bei einem kleinen Teil der aufgestallten Tiere werden die bekannten Symptome weiterhin auftreten. 

Klar positionierten sich beide Gruppen auch zu den Kosten: Ohne die Bereitschaft der Verbraucher, mehr für Schweinefleisch zu bezahlen, wird es nicht funktionieren: Zu rechnen sind mit 20 - 25€ höheren Kosten je erzeugtem Schwein mit einem unversehrten Schwanz. 

Im Fazit blieb trotz allem Optimismus und die Bereitschaft, sich der Herausforderung zu stellen. Es wird sich lohnen, denn es bringt unseren Tieren viel bringen. Parallel müssen aber auch die Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine Umsetzung für die Betriebe möglich machen , schloss Melanie Große Vorspohl als Mitinitiatorin des Thüringer Pilotprojektes.